chantal michel:

egypt family

Chantal Michel, geb. 1968, präsentiert sich seit 1997 mit Performances und Videoarbeiten, seit 1998 auch mit Fotografien. Ausschnitte aus ihren Videowerken (1998-1999) liefen in der Townhouse-Galerie Kairo parallel zur aktuellen Ausstellung. Wenn sich diese auch nicht auf Ägypten bezogen, konnte man sie doch als hilfreiche Ergänzung zum Verständnis der Fotoserie betrachten, die während eines sechswöchigen, von Pro Helvetia unterstützten, Aufenthaltes Ende 2001 in Kairo entstanden ist.
Die Wirkung der großformatigen Farbdrucke ist so spektakulär, dass die Beschäftigung mit den Videos fast beruhigend, weil erklärend, wirkt. Durch sie lässt sich die ungeheure (physische und psychische) Energie nachvollziehen, mit der auch die Bilder entstanden sein müssen.
"Die Künstlerin geht über die Grenzen des 'Normalen' hinaus. Sie geht an die Grenzen ihrer physischen Leistungsfähigkeit, aber auch an gesellschaftliche Grenzen, in Tabubereiche. Der Bereich einer bürgerlichen, bisweilen klischeehaften Normalität einerseits und jener des Extrems, der Überzeichnung, der Grenzüberschreitung andererseits bilden die Pole ihrer Arbeiten." (Galerie Naumann, Stuttgart)
Diese Charakterisierung trifft genauso auf die Fotos zu, der Betrachter ist der Wucht der oft grellen Farben, ihrer Größe und der, manchmal schockierend wirkenden, Realität des Abgebildeten ausgesetzt.
Das Thema ihrer Bilder sind "normale" Familienporträts, die sie technisch traditionell und einfach abbilden wollte. Die Idee erschien ihr als realistische Möglichkeit, in der kurzen Zeit, die sie im Land weilte (sie war zudem das erste Mal in Ägypten), den direkten Kontakt zu den Menschen, zum Fremden, aufbauen, und eine gewisse Nähe, trotz der nicht möglichen verbalen Kommunikation, herstellen zu können. Sie, der das Arbeiten im öffentlichen Raum schwer fällt, die sonst viel Zeit braucht, sich in den von ihr zur Inszenierung gedachten Raum einzufinden, seine Atmosphäre zu erspüren, realisierte ihre Idee durch die Inszenierung der Ägyptischen Familie, durch Familienaufstellungen quer durch die sozialen Schichten. Tat- oder Handlungsort ist das heimische ägyptische Wohnzimmer. Sie folgte damit ihrer Vorstellung von Kairo: "Kairo ist farbig, märchenhaft, fast etwas kitschig". Die Idee und der Ort müssen für Chantal Michel immer zusammenpassen und sie möchte handelnd immer Teil dieses Ortes sein.
Zum ersten Mal arbeitete Chantal Michel mit Personen im Bild und ging damit über die reine Selbstdarstellung hinaus. Die Palette der porträtierten Familien reicht von der gutsituierten Kleinfamilie bis hin zur Familie des Hauswärters, der mit Frau und Kindern und weiteren Familienangehörigen wahrscheinlich in einem einzigen Raum haust - und schmuggelt sich selbst als bizarren Fremdkörper in den intimen Raum der ausgewählten Familien. (Wo kommt sie nur her? Wie hat sie es nur geschafft, sich dort ihren Raum zu erkämpfen und sich in ihm einzunisten?) Dass sie in der, vom gesellschaftlichen Status her gesehen, einfachsten der Familien im gelben Minikleid auf dem Herd steht, sich der Blick eines der männlichen Familienmitglieder fast auf derselben Höhe wie ihre "nackten" Beine bewegen kann - mir schwirrt als hier lebender Europäerin der Kopf... Ohne Tabus stellt, setzt oder legt, platziert sie sich in die Familienaufstellungen. Dabei ist die Darstellung an sich nicht "obszön", es ist nur das Wissen um einen Verhaltenskodex, um die zunehmend demonstrierte "Islamisierung" im Land, es sind die zahlreichen negativen Erfahrungen mit der ägyptischen Männerwelt im Alltag, die "Zügel" anlegen möchten.
Es scheint alles richtig und passend: die Posen der Familien, deren Freude, sich darzustellen, ihre Offenheit, sich auf das Experiment einzulassen, die Ausstattung der Räume (mit dem dann tatsächlich vorgefundenen "Kitsch") und fast überall, fast unscheinbar, aber selbstverständlich wie ein weiteres Familienmitglied, der Fernsehapparat. Ja, das hat man alles schon so gesehen, ja, diese Aufstellungen treffen das, was man ägyptischen Familien von außen ansehen kann, genau. Es scheint alles nüchtern, objektiv zu sein, nichts hinzugefügt, nichts beschönigt, nichts dramatisiert.
Das Dramatische liegt im verkleideten, (schaufen-ster-)puppenähnlichen Wesen Chantal Michel, die sich - mal im ärmellosen gelben Minikleid, s.o., mal im blauen Nylon-Unterrock, mal im hellgrünen Cocktailkleidchen, mal im hellblauen "Fummel" im Stil der 60er-Jahre und immer mit einer blonden lockigen Perücke, Stöckelschuhen und auffallend geschminkten Augen als verfremdendes Element hinzufügt. Präsent, aber nicht greifbar, "Wie von einem anderen Stern", so der Kommentar eines ägyptischen Betrachters, "verrückt eben", so Chantal Michel.
Sie exponiert die ägyptische Familie: sie scheint alltäglich, traditionell, ungeschminkt, ungefiltert, nah abgelichtet, kompakt auf den Punkt gebracht. Das genaue Betrachten der Familienporträts enthüllt Merkmale einer ganzen Gesellschaftsstruktur, sie "entblößen" sogar. Aber die Fotos stellen die Familien nicht bloß, sondern es entsteht Sympathie für die abgelichtete Situation und die enthaltenen absurden und skurrilen Überraschungsmomente, für die Präzision und Nüchternheit ihres Blickes und die technische Perfektion.
Die Farbdrucke, wie sie in Made in Egypt ausgestellt sind, sind etwa 100 x 100 cm groß, mattlamiert auf Aluminium aufgezogen; sie wurden nach ihrem Aufenthalt in Ägypten in der Schweiz fertiggestellt.
Für Chantal Michel war diese Arbeit, nicht zuletzt durch die bereitwillige Mitwirkung der Familien, ein Experiment, das für sie erfolgreich ausging. Auch wenn die Mit-Akteure Chantal Michels Intention und Handlungen nicht durchweg verstehen konnten, "haben sie das Spiel mitgespielt. Und es war ein schönes und menschliches Spiel."

Chantal Michel lebt in Thun und arbeitet in Thun und Bern. Sie erhielt für ihre Arbeiten zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Einzel- und Gruppenausstellungen in ihrem Heimatland und im europäischen Ausland (u.a. Biennale Venedig 2001).

Ingrid Handwerker, PAPYRUS 3-4/2002 (Kairo, Ägypten)

Chantal Michel (1968), originaire de Berne (Suisse), a réalisé de nombreuses expositions tant dans des lieux voués à l'art que dans des endroits qu'elle a investis pour son travail. En 2001, elle représenta la Suisse à la Biennale de Venise sous la direction artistique de Harald Szeemann.

L'oeuvre de Chantal Michel se décline en photographies, vidéos et performances. Son travail rend compte d'une conscience prééminante du corps et de son rapport avec l'univers mental et l'espace matériel Elle interroge et met en scène son propre corps, se vêtit de l'une de ses nombreuses robes de sa colletion, endosse différentes figures façonnées par l'inconscient.

C'est au hasard de ses découvertes que l'artiste sélectionne les décors dans lesquels elle prend position. Intérieur bourgeois, brasserie désaffectée ou hôtel abandonné, elle habite ces lieux, les ressent jusqu'à en comprendre leur fonctionnement pour enfin se confondre et se réunir avec eux. En occupant la même place que les objets, elle efface petit à petit sa présence humaine. Son corps devient objet. Recroquevillé, il pourrait nous faire penser à une sculpture.

Pour la réalisation de "Egypt Family" au Caire, Chantal Michel a travaillé pour la première fois avec des personnages,  dépasse ainsi l'auto-mise en scène et devient objet bizarre au sein des familles choisies dans leurs espaces intimes.

http://chantalmichel.ch/index.html

Exposition du 5 septembre au 13 octobre 2007.